Sonntag, 22. Januar 2012

Rede zur Wanseekonferenz

Bundespräsident Wulff hielt eine Rede zur Wannseekonferenz. Und die interessiert mich eigentlich mehr als seine „Verfehlungen“. Manches fand ich bedenklich, auch wenn ich vermute, dass der Text von einem Redeschreiber geschrieben wurde. Aber er ist nun einmal der Redner.

Solche Reden finden sozusagen in einem geschlossenen, wenn nicht sogar abgedunkelten Raum statt, das heißt, sie haben wenig mit der Realität zu tun. Letztendlich werden sie zur eigenen Erbauung gehalten: Wie gut „gedenken“ wir doch! Sie schmerzen niemanden. Darum werden sie auch schnell wieder vergessen. Diese Reden muss man im Zusammenhang mit anderen Ereignissen und Aussprüchen sehen, erst dann ergeben sie einen Sinn.

Wenn man es sich vorstellt: Einen Tag davor drückte Wulff dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde die Hand. Dem gleichen Menschen, der behauptet, dass das was auf der Wannseekonferenz beschlossen wurde, auf eine Initiative der Juden selbst zurückgeht. Damit sie nämlich dank der Vernichtung eines Teils der Juden, einen Vorwand hätten, sich im Gebiet Palästina anzusiedeln. Dafür hat er seinen Doktortitel bekommen und er gilt als Intellektueller! Auch vermindert er in seiner Doktorarbeit die Zahl der umgebrachten Juden auf ein Sechstel, in Deutschland ein zu ahndendes Verbrechen. Es wäre eine gute Gelegenheit für Wulff gewesen, Herrn Abbas danach zu fragen und seine Antwort dann in die Rede einfließen zu lassen.

Auf der Wannseekonferenz wurde auch das Schicksal der Kinder von Bialystock beschlossen. Der 1.300 Kinder (von insgesamt sogar 5.000 Kindern), die einst, im Jahre 1943, für einen Austausch gegen deutsche Internierte in die Freiheit gelassen werden sollten. Wogegen der Mufti von Jerusalem, der bis heute von den Palästinensern sehr verehrt wird, Einwand erhob. Worauf man dann dieselben Kinder, die eine Zeit lang für den Austausch aufgepäppelt worden waren, auf bestialische Weise umbrachte. Zum Teil wurden sie wie junge Hunde erschlagen. Mir fällt dann auch ein, wie im Deutschen Pfarrerblatt jener Artikel stand, worin erklärt wurde, die Juden haben in Israel/Palästina nicht zu suchen, also ganz im Sinne des Mufti von Jerusalem. Ich glaube, wenn Bundespräsident Wulff in diesen Zusammenhängen gesprochen hätte, wäre es eine Rede mit ausreichend Diskussionsstoff gewesen. So bleibt es eine Rede zur Selbsterbauung.

Die Verbindung, die der Bundespräsident zur Zwickauer Neonaziszene in Bezug auf die Wannseekonferenz herstellte, halte ich auch für bedenkenswert. Es ist so, als wenn Privates und Gesellschaftliches miteinander vermischt werden. Auf der Wannseekonferenz wurde staatlicherseits die Ermordung von mehreren Millionen Menschen beschlossen. Nicht dass ich die Tötung von 10 Menschen durch ein hasserfülltes Trio als gering ansehen würde. Aber eine ganze Volksgemeinschaft stand nun nicht hinter den Mördern. Es hätte dann zumindest gesagt werden müssen, dass diese Mörder zwar für sich handelten, dass mit ihnen aber eine gewisse Partei sympathisiert, die der Staat nicht in der Lage ist zu verbieten. Im Übrigen erinnert mich die Erwähnung dieser Neonaziszene ein wenig an die Thesen des Antisemitismusforschers, des etwas fragwürdigen Professor Benz, die da besagen: Antiislamismus wäre der Antisemitismus von heute.

Mittwoch, 18. Januar 2012

Medienberichterstattung

Am Sonntag wurde von einer Fernsehmoderatorin irgendetwas nicht übermäßig Bedeutsames über Israel berichtet. Es ging um Korruptionsvorwürfe gegen Netanjahu. Aber in was für einem höhnischern Ton! Sie sagte: „Und das in einem Land, das sich immer rühmt, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein!“ Mir fiel ein, wie dieselbe Moderatorin – wenn es aus irgendeinem Grund dazu kommt, dass die Nachrichten etwas über Verbrechen der Deutschen im 2. WK bringen -, wie viele Journalisten die Angewohnheit hat zu sagen: "die Nationalsozialisten". Also nicht Deutsche haben Kriegsverbrechen begangen, es waren immer die "Nationalsozialisten". Wesen von einem anderen Planeten. Da ist große Distanz. Während, wenn es um Israel geht, höhnische, oft unsachgemäße Bemerkungen eingeschoben werden, die von innerem Engagement sprechen. Denn: Korruption und ähnliche Vergehen haben nichts mit Demokratie zu tun, und wie Korruption in einer Demokratie oder dagegen in einem Unrechtsregime behandelt werden, das weiß jeder. Und Israel ist nun mal die einzige Demokratie im Nahen Osten, ob es sich „rühmt“ oder nicht rühmt.

Ich weiß, dass es subjektive Eindrücke sein können, mit denen ich derlei spitze Untertöne wahrnehme. Man liest ja andererseits immer einmal, dass es Menschen gibt, die den Eindruck haben, die deutsche Presse gehe „wegen des Holocausts mit Samthandschuhen mit Israel um“. Aber allein subjektiv sind „subjektive Eindrücke“ nicht. Es gibt schon Maßstäbe und Kriterien für Subjektivität.

Diese kleine Szene hat überhaupt keine Bedeutung, außer dass sie exemplarisch ist. Diese nette Moderatorin von der man den Eindruck gewinnt, sie hat immer vor der Sendung schon ein wenig über den Nachrichten geweint: Auf dieser Stelle entfaltet sie beißende Ironie. Es fällt niemanden auf, es rauscht an den Ohren vorbei, doch immer bleibt ein wenig hängen. Und es ist nicht nur die nette Moderatorin, die sich Israel so streng vornimmt, diese Hatz ist – was die Medien betrifft – allgegenwärtig. Man soll sich bloß die Kommentare in den Blogs normaler, seriöser Zeitungen durchlesen, nachdem ein Artikel über Israel erschien. Nicht wenige Zuschriften werden schnellstmöglich gelöscht. Da ist der gewonnene Eindruck nicht mehr subjektiv, denn man liest Aussagen, die man objektiv gesehen als antisemitisch bezeichnen kann. Und die Journalisten haben damit nichts zu tun, ebenso wenig wie die Deutschen mit den Nationalsozialisten.

Samstag, 14. Januar 2012

Der 15. Januar 1990 - Eine Wendegeschichte

Manche Leute werden sich noch an den 15. Januar 1990 erinnern. Manche auch nicht, weil „Wende“ für sie nur ein Synonym ist, das in jede Richtung gedeutet werden kann, und bei dem Details keine Rolle spielen. Aber die echten „Wendekenner“ wissen, dass es in diesen Tagen große Befürchtungen gab, es könne zu schwerwiegenden Rückwärtsbewegungen kommen, und die Stasi greife zu Mitteln, die ihnen die Macht zurück bringen. Diese Befürchtungen mobilisierten andererseits wieder die Revolutionäre jeglicher Art und gipfelten im Sturm auf die Stasizentralen.

Auch vor Ort war einmal wieder eine Demo geplant. Damals vermengten sich Akteure und Gegenakteure, Aktionen und Reaktionen, so dass es im Nachhinein schwer ist, alles zu entwirren. Fest stand jedoch, dass es hier wohl kaum jemanden gab, der glaubhaft war und der eine freie Rede halten könnte. Es gab nur Einen, den Pastor. Dieser Tatsache ist das Erblühen der Kirchenmänner zu Politikern in den damaligen Zeiten zu verdanken.

Also auch unser Pastor S. war gefragt. Obwohl er gerade eine Knieoperation hinter sich hatte und mühsam auf Krücken ging. Der 15. Januar war ein stürmischer, schneeloser kalter Tag. Das Volk wanderte durch den Ort bis es einen Hügel erreichte. Pastor S. bekam eine Laterne in die Hand gedrückt. Er erklomm den Hügel, und von da oben hielt er seine Rede an das Volk. Ihr Inhalt bestand hauptsächlich darin, dass wir „keine Gewalt“ anwenden wollen, dass wir besonnen sein, uns aber nichts mehr gefallen lassen wollen, und dass wir es auf keinen Fall dulden werden, dass die Stasi ihre Macht zurück gewinne.

Dieser Anblick: der Pastor auf Krücken mit der schwankenden Laterne auf dem düsteren Hügel – der war schon starker Eindruck und wir werden ihn unser Leben lang nicht vergessen. Gern höre ich zu, wenn jetzt, gut zwanzig Jahre später, Herr und Frau S. uns über diesen unvergesslichen Tag berichten. Herr S. erzählt so etwas gern in Form einer Anekdote. Wie er sich innerlich auf das abendliche Auftreten vorbereitete. Und da kam ein Anruf. Vom Rat des Kreises. Man spürt dann, wie sich Herrn S. damaliger jahrzehntelang eingeschliffener Respekt und seine Angst vor den damals hohen Herren mit der heutigen Erleichterung und der Freude am Erzählen mischen. Hinter seinem Rücken macht seine Frau ironische Gesten und erklärt den Zuhörern: „Er wurde so klein mit Hut!“ Auch Herr S. verbirgt nicht, wie „klein“ er wurde. Darauf sagte der Vertreter des Rates des Kreises am Telefon: „Wenn sie heute Abend die Demo machen, werden wir dafür sorgen, dass alle Wege frei sind und sie sich überall bewegen können“. Und damit war dann eigentlich auch klar, wie es mit der DDR bald enden wird.

Samstag, 7. Januar 2012

Der Deutschlandfunk

Der Deutschlandfunk macht seinem Namen alle Ehre. Wenn man eine halbe Stunde lang politische Berichterstattung im DLF hört, bekommt man folgendes Weltbild: Es gibt ein Land, von dem geht alles Schlechte und Böse in der Welt aus: Das sind die USA. Es gibt ein Land, das der Welt Frieden und Wohlstand bringt: das ist Deutschland. Wenn es außer von den USA noch Böses auf der Welt geben sollte, dann ist dieses Böse die Reaktion auf das Böse der USA. Weiterhin gibt es ein ominöses böses Land: Das ist Israel. Die Rolle Israels wird im Zwielicht gehalten, weil man nicht genau entscheiden kann, wie man es darstellen soll. Ist Israel nicht überhaupt die Voraussetzung für alles Böse der USA, bestimmt nicht Israel die amerikanische Politik? Da hält man sich bedeckt und arbeitet nur mit Andeutungen, denn irgendwie ahnt man, dass man Reaktionen herausfordern könnte, die zwar das beinhalten, was man selbst denkt, die aber aus einem Grunde nicht nach außen dringen sollen. Denn dann müssten die Redakteure des DLF krampfhaft bemüht sein, die Reaktionen wieder einzudämmen, die sie selbst hervorgerufen haben. So bei einer Sendung, als unvermittelt bei einer telefonsichen Diskussion über den grausamstem und einzigen Geheimdienst der Welt (CIA) ein Zuhörer sofort dahin sprang, wohin der DLF seine Zuhörer (z. B. durch unmittelbares Aneinanderreihen von „Grausamkeiten“, die von diesen beiden Ländern ausgehen in ihren Nachrichtensendungen) führte: Er wechselte vom Kriegsverbrecher Busch direkt zu den zionistischen Räubern in Israel. Das „Rudern“ der Redakteurin war durchs Radio hindurch zu spüren. Sie ruderte mit Worten so angestrengt, dass ich im Geist ein treibendes Ruderboot in einem reißenden Fluss vor mir sah.

Donnerstag, 5. Januar 2012

Die Vertriebenen

Es ist so viel von den Vertriebenen die Rede. Dabei gibt es so gut wie keine mehr. Es leben zwar noch Leute, die als Kinder und junge Leute vertrieben worden waren, aber sie haben fast nichts gemeinsam mehr mit den Vertriebenen meiner Kindheit. Manchmal höre ich noch Anklänge an einen Dialekt, und die alten Sudetendeutschen und Schlesier sind immer noch heraus zu erkennen. Aber das sind wirklich die ganz Alten.

In meiner Kindheit war ich von Vertriebenen umgeben, das ist mir erst heute richtig bewusst. Es ist mir auch erst als Erwachsene klar geworden, was für ein Reichtum in dem damaligen Leben unter den Vertriebenen lag. Die Dialekte, die verschiedenen Verhaltensweisen, die Erzählungen, die Namen der Orte, von denen sie redeten. Es war mir nicht im Geringsten bewusst, was es bedeutete, ein Vertriebener, ein Flüchtling zu sein. Aber ich habe sie wahrgenommen. Ich war umgeben von Reden über Krieg und Flucht. Von Vertreibung war übrigens nicht die Rede, ich hörte immer nur von Flucht. Und vom Krieg. Wenn Männer miteinander herumrum standen, sprachen sie über den Krieg und nannten verschiedene Orte und Dienstgrade. Was heute immer behauptet wird: Man habe nur geschwiegen, und man habe darüber nicht reden dürfen, das ist Erfindung und Lüge, um die Vergangenheit und deren Folgen in einem anderen Licht darstellen zu können.

Sicher verschwieg man auch in privatem Reden vieles. Nie habe ich eine Frau erzählten hören, dass sie vergewaltigt wurde. Womit ich als Kind wohl auch wenig hätte anfangen können. Auch die Legendenbildung begann damals schon: Man hbe ja nichts gewusst! Ein Ausdruck, den ich öfter hörte war: Die haben sie weggeholt... Dann ging es um Juden. Mehr sagte man dazu nicht, da herrschte schon das Tabu.

Aber dass die Leute nicht von ihrer Flucht geredet hätten: Das ist lächerlich. Nichts fand ich spannender als diese Geschichten. Für mich gab es erst einmal keinen Unterschied zwischen Einheimischen, Vertriebenen, Menschen die im Krieg waren oder nicht. Trotzdem habe ich mitbekommen, dass die Vertriebenen die interessanteren Menschen waren. Es sind diejenigen, die meine Kindheit emotional sehr bereichert haben. Was zwischen diesen Menschen und den Einheimischen vor sich gegangen war, davon hatte ich keine Ahnung und bekam davon auch nichts mit. Das offenbarte sich mir viel später, als ich dann über manches Fluchtschicksal bewusst hörte. Ich fand es immer den schlimmeren Teil der Fluchtgeschichte: Wie hartherzig diejenigen behandelt worden waren, die alles verloren hatten. Wie sie von den Landleuten, die im Krieg geschworen hatten, als „Volk und Schicksalsgemeinschaft“ zusammen zu halten, nun wie Aussätzige und Gesindel behandelt wurden.

Samstag, 31. Dezember 2011

Impressionen

Ich möchte von vorherein und ausdrücklich betonen, dass ich nichts gegen „die Kirche“ habe und auch nicht Menschen, die einer christlichen Kirche angehören unterstelle, Vorurteile gegen Juden zu haben. Dafür kenne ich zu viele Christen (oder sagen wir mal: etliche), die ein herzliches und entspanntes Verhältnis zu Juden haben und die gemeinsam mit ihnen an Projekten arbeiten, seien es biblische, seien es Aufgaben, die sich mit der Vergangenheit und der Erinnerung daran befassen. Trotzdem bin ich immer wieder erstaunt, wie oft bei kirchlichen Veranstaltungen, gelinde gesagt, „schräges Zeug“ über Juden (oder Israel) zu hören ist. Behauptungen, die einfach falsch sind, auch Unterstellungen und Falschinterpretationen. Ich möchte hier weniger das aufschreiben, was jeder den Medien entnehmen kann, sondern das, was ich selbst erlebte und hörte.

Und ich war tatsächlich dabei, als eine junge Pastorin, noch nicht lange von der Universität gekommen, der Religionswissenschaftlerin Ruth Lapide bei einem Seminar ins Gesicht sagte: „Die Juden haben Jesus ans Kreuz geschlagen!“ Frau Lapide war um eine scharfe Antwort nicht verlegen.

Und ich war in einem Gottesdienst, bei dem Pastor W. ohne Skrupel sagte: „Nach dem Gesetz des Alten Testaments gilt die Regel: Auge um Auge. Zahn um Zahn. Diese Regel hat irgendwie noch eine Berechtigung. Heutzutage wären die Palästinenser froh, wenn man sie nach diesem Gesetz behandelte, doch die Israeli überziehen für einige nicht treffende selbst gebastelte Sprengkörper Gaza mit Bombenteppichen.

Und ich war in der Bibelstunde, als Pfarrer R. zu einem x-beliebigen Thema auf einmal die Bemerkung anfügte: „Es hat auch seine Schattenseiten, dass die Juden sich als das erwählte Volk betrachten. Zum Beispiel haben sie eine Mauer quer durch Jerusalem gebaut. Ich fragte: „Meinen sie, dass die Israeli diese Mauer wegen ihres Erwähltseins gebaut haben oder könnte es auch mit der Sicherheit zu tun haben?“ Mit einer gewissen pastoralen Herablassung sagte er: „Ach, liebe Frau, was wissen sie schon!?“ Ich sagte: „Ich möchte nur wissen, meinen sie das wirklich so? Sind ihnen in die Luft gesprengte Israelis lieber als eine Mauer? “, und gleich fiel dem zweiten anwesenden Pfarrer ein, dass es doch eigentlich Zeit sei, den Abend zu beenden, so dass prompt der abendliche Segen erfolgte, zufällig ein Segen aus dem Alten Testament, der aaronitische.

Montag, 26. Dezember 2011

Ein Weihnachtslied "Wisst ihr noch, wie es geschehen?"

Wir hörten im vorigen Jahr zu Weihnachten einen Gottesdienst aus München. Der Pfarrer hatte sich als Predigtthema ein Gesangbuchlied gewählt, das er interpretierte. Text von Hermann Claudius. Wahrscheinlich um Protesten von „Gutmenschen“ vorzubeugen, erwähnte er etwas von 1939 und „nicht linientreu“. Ich habe das gar nicht richtig verstanden, aber ich wurde aufmerksam und begann im Internet zu recherchieren. Es stellte sich heraus, dass Hermann Claudius ein „strammer“ Nazidichter war. Das Gedicht sagt einiges:

Herrgott, steh dem Führer bei, dass sein Werk das deine sei, dass dein Werk das seine sei. Herrgott, steh dem Führer bei.
Herrgott, steh uns allen bei, dass sein Werk das unsre sei, dass unser Werk das seine sei. Herrgott, steh uns allen bei.

Mehrfache Ehrungen in der „Nazi“-Zeit und auch danach gab es für ihn. Er schrieb außer seinen Führerelogen auch Natur- und Kirchengedichte. Er gehörte zu den 88 Dichtern, die ein Gelöbnis treuer Gefolgschaft für den Führer unterzeichneten. In der Krakauer Zeitung, dem NS-Propagandablatt des Generalgouvernements war Hermann Claudius mit mehr als 50 Texten vertreten.

Das ist die Frage: was kann das arme Gesangbuchlied dafür, dass sein Schöpfer ein Nazi war? Der gute Hermann Claudius hat neben Nazigedichten eben so schöne und innige Lieder geschrieben, dass sie einer Predigt wert sind.

Ich denke, dass eine Predigt nicht nur eine Aussage hat. Das wäre eindimensional. Wer um den Schöpfer dieses Gedichts weiß und weiß, was er sonst noch geschrieben hat (zu meiner großen Überraschung das Lied: wenn wir schreiten Seit an Seit…..: es passt alles gut zusammen: innige Krippenbetrachtung, Führerverherrlichung, und Lieder auf die „neue Zeit“). Jedenfalls ist so eine Predigt auch eine Hommage an den Schöpfer. Und wer eine Predigt vor so großem Publikum wie die Zuhörerschaft des DLF hält, der muss auch damit rechnen, dass es Menschen gibt, die um den Ursprung dieses Liedes wissen. Eine „geistige Schöpfung“ entspringt immer einem Geist. Wenn ich mir vorstelle, dass beide Schöpfungen demselben Geist entsprungen sind, höre ich das Lied mit anderen Ohren.

Ich sah im Gesangbuch nach: da stehen die Lebensläufe der Liederdichter. Vom Nazitum von Hermann Claudius kein Wort, obwohl das ein maßgebliche Rolle in seinem Leben spielte. Bei anderen Liederdichtern wurde durchaus Wichtiges aus ihrem Leben erwähnt.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Monika

Mit Monika verbrachte ich drei Jahre auf engstem Raum, in einem sehr kleinen Internatszimmer, in dem wir zu viert untergebracht waren. Ich habe wohl erst im Internat begriffen, was die DDR bedeutet, wie die Menschen denken und wie sie sich verhalten. Mit Erstaunen erlebte ich Anfang der 70-ger Jahre, wie junge Menschen mit 18 Jahren gern und freiwillig in die Partei eintraten, wie sie nicht mal eine Ahnung davon zu haben schienen, dass man sich auch nur ein wenig anders verhalten kann, als es die Parteilinie vorgibt. Später ließen sie sich klaglos im Studium von „Seminargruppenleitern“ tyrannisieren, machten Wehrerziehungslager mit, zogen in Neubaublocks, gründeten früh eine Familie, in der es vorgezeichnet war, dass das Leben sich auf die gleiche, programmierte Weise wiederholt.

Nach mehr als 30 Jahren traf ich Monika wieder, nachdem sie meine Adresse herausgefunden hatte und mich mit unserer gemeinsamen Zimmergenossin Erika zusammen besuchte. Gleich am Anfang dieses Besuchs machten wir die erstaunliche Erfahrung, dass drei Jahre schulische Gemeinsamkeit in einem engen Zimmer trotz eines konträren Lebens uns so „zusammen geschweißt“ hatten, dass es keine Fremdheit zwischen uns gab. Wir erzählen und lachten zwei Tage lang, so wie früher und ich erfuhr interessante Details aus Lebensläufen, die ganz und gar der DDR-Norm entsprochen hatten und die dann durch die „Wende“ gehörig umgewälzt worden sind. Unter anderem erzählte Monika mir eine Begebenheit aus ihrem Leben, die in ihrer Nebensächlichkeit sehr bezeichnend war, wie der DDR-Staat mit seinen Menschen, also eigentlich mit sich selbst umging.

Monika hatte alles richtig gemacht, wie es sich für eine DDR-Bürgerin gehört. Sie kam aus einfachen Verhältnissen, trat mit 18 Jahren aus Überzeugung in die Partei ein, wurde Volkspolizistin auf dem Polizeiamt, wo sie die Anmeldungen der Westbesucher registrierte. Ihr Mann war Grenzbeamter, der sich über nichts mehr freute, als wenn er einem Westbesucher eine Zeitschrift oder ein Buch abnehmen konnte, wie er einmal berichtete, als ich in jungen Jahren das einzige mal bei ihnen zu Besuch war. Sie wohnen bis heute in einem Neubaublock in Berlin Lichtenberg. Ihre beiden Kinder durchliefen alle Stadien, die ein DDR-Kind zu durchlaufen hatte, von der Kinderkrippe, über die Pioniere zur FDJ mit allen dazugehörigen Ritualen. In ihrem Leben fehlte nichts was zu einer typischen DDR-Existenz gehörte: Hausgemeinschaft im Plattenbau, FDGB-Urlaubsreisen, Parteiversammlungen. Sie kannten nichts anderes und wollten nichts anderes. Doch selbst solche Menschen kamen in Situationen, wo sie sich am System „stießen“, nämlich wenn sie menschliche Eigenschaften über die Parteilinie stellten:

Monikas Tochter Cathleen war Leistungssportlerin und verbrachte den größten Teil ihrer Kindheit im Stadion. Sie wurde trainiert – ich würde sagen dressiert -, um an internationalen Wettkämpfen teilzunehmen. Regelmäßig fuhr sie zu Spartakiaden. Cathleen hasste diese Spartakiaden, weil sie unter großer Angst litt, es könne ihr auf der Reise etwas zustoßen und sie käme nicht zu ihrer Mutter zurück. Vor jeder Reise zu einem Wettkampf spielte sich das gleiche Ritual zwischen Mutter und Tochter ab: Monika musste Cathleen hoch und heilig schwören, dass sie in dem Fall, dass etwas passiert, auf der Stelle zu ihr eilen würde, damit diese nicht irgendwo in der Fremde allein bleibt. Dieses Versprechen gab Monika in voller Überzeugung, denn es hätte sie wirklich nichts davon abhalten können, im Fall der Not ihrer Tochter zur Hilfe zu kommen. Eines Tages war es so weit, dass Cathleen ins „westliche Ausland“, nach Italien, zu einem Wettkampf geschickt wurde. Da zeigte sich, dass Monika nicht nur eine gute DDR-Bürgerin, sondern auch ein Mensch mit guten menschlichen Eigenschaften war und diese Eigenschaften waren: sie liebte ihre Kinder über alles und sie war ehrlich. Monika konnte nun ihr Versprechen nicht mehr ohne weiteres geben. Sie erkundigte sich bei verschiedenen Genossen, ob für den Notfall eine Reise nach Italien möglich wäre, erntete aber nur Unverständnis, Befremden und Hohn. Die Vorstellung, dass ein DDR-Bürger, der nicht Reisekader war, möge er auch noch so staatstreu sein, ins westliche Ausland fahren wolle, war in den Augen der Genossen absurd, auch wenn es eine ihrem Kind zur Hilfe eilende Mutter wäre. Ihr wurde gesagt, dass das Kind in der Betreuung des Trainers ja wohl gut aufgehoben sei. Monika verschwieg Cathleen ihr Unvermögen nicht. Sie war nicht in der Lage, Cathleen zu einer Reise nach Italien zu überreden, wie die Genossen es von ihr forderten. Cathleen verweigerte hartnäckig die Reise und Monika hielt tapfer zu ihrer Tochter und bestand nicht darauf, dass diese zum Wettkampf fährt. Das „aufrührerische“ Kind wurde nicht mehr lange trainiert und musste aus dem Lauftraining ausscheiden. Monika musste sich vor ihrer Parteigruppe rechtfertigen und entging knapp einer Parteirüge

Monika erzählte mir, dass sie durch diese Erfahrungen die ersten Zweifel an dem gesamten DDR-System bekommen hatte und dass sie danach nicht mehr so eine überzeugte DDR-Bürgerin war und dass sie nicht mal besonders traurig über das Ende der DDR sei, obwohl dadurch die vorgegebenen Lebensläufe ihrer Familie gehörig durcheinander gewirbelt wurden.

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