In einem Dokumentationszentrum fiel mir eine Episode aus dem 2. WK noch mal ins Auge. Sie war auf einer der Schautafeln dokumentiert. Im Gefangenenlager „Stalag“ hatte man unter den alliierten Gefangenen – denen es vergleichsweise nicht so schlecht ging – die „jüdischen“ heraussortiert. Sie wurden von den anderen getrennt gehalten, zeitweise isolierte man sie in einem abgetrennten Teil des Lagers, jederzeit drohte ihnen – im Gegensatz zu ihren nichtjüdischen Kameraden – die Liquidierung. Dank des fortgeschrittenen Kriegsverlaufs ist es dazu nicht gekommen, aber auch dank ständiger Proteste ihrer nichtjüdischen Vorgesetzen, die den Deutschen irgendwie klar machten, dass es nach einem Kriegsende dafür Konsequenzen geben würde.
Wie mag es auf die nichtjüdischen Kriegsgefangenen gewirkt haben, dass da unter ihnen einige sind, die sich vorher nicht von ihnen unterschieden hatten, die aber durch die Definition der Deutschen zu von ihnen zu unterscheidende Menschen geworden sind? Die dem gewaltsamen Tod näher sind als sie. Vor denen man sich in Acht nehmen muss, um nicht mit ihnen gleich gesetzt zu werden.
Nach den dokumentierten Überlieferungen empörten sich die Kameraden gegen die Trennung. In einer Baracke sollen sich sogar alle Insassen als „jüdisch“ ausgegeben haben, und die Deutschen damit so irritiert haben, dass sie von der Trennung in dieser Baracke absahen. Hoffentlich ist das nicht eine schöne Legende. Aber auf jeden Fall war den englisch-amerikanischen Soldaten dieser Geist der Einteilung und Aussortierung von Menschen fremd. Wie wäre es weiter gegangen, wenn dieser Geist noch lange bestanden hätte? Hätten sie sich nach und nach davon infizieren lassen?
anne.c - 15. Dez, 19:47
Es ist interessant, sich mit dem Internet zu befassen. Man kann richtige Krimis miterleben. Ich verfolge, wie eine junge Frau mit dem Bundestagsabgeordneten R.P. kämpft. Es bilden sich Fraktionen für den einen, für die andere. Es geht um Internetmobbing, es geht um einen Verein, der keine Spendenberechtigung hat, aber Spenden einnimmt, um die Vereinsvorsitzende, um ein Konzert in einer Bonner Kirche und nicht zuletzt, wie kann es anders sein, geht es um den Nahen Osten. Aber wenn es um den Nahen Osten geht, geht es meistens nicht um den Nahen Osten, sondern es geht um das Thema: wie kommen die Deutschen mit ihrer Vergangenheit zurecht? Die junge Frau P. hat da eine entschiedene Meinung und sagt sie unverblümt. Sie hat begeisterte Anhänger, aber auch scharfe Widersacher.
Der Kern dessen, um den sich alles dreht, ist ein Waldorfkindergarten in Israel. Ein Kindergarten, in dem arabische und jüdische Kinder gemeinsam zusammen sind. Eine schöne Sache. Ich finde, alles ist gut, was zur Gemeinsamkeit von jüdischen und arabischen Israeli beiträgt. Wo, wenn nicht in einem Kindergarten, in dem zwei Sprachen geredet werden, wo die Kinder von klein auf freundschaftlich zusammen sind, ihre Feste gegenseitig erleben, kann Annäherung und Verstehen beginnen? Es gibt ein Dorf, Schulen, ja sogar ein Orchester, wo Palästinenser und Israeli zusammen sind.
Nicht anders als die junge Frau sehe ich all diese im Grunde sinnvollen Einrichtungen mit Skepsis. Weil alles auch einen ideologischen Beigeschmack hat. Wenn darüber berichtet wird, dann wird prompt mit dem Finger auf Israel gezeigt: Seht, das ist etwas anderes als dessen „Apartheidpolitik“, beispielhaft, nicht so wie das übrige Israel. Es wird der Eindruck erweckt, diese „Friedensprojekte“ wären einzigartig und der Kontrast zum normalen Alltag. Ich habe einige Bekannte in Israel, die von ihrem Alltag dort berichteten, und ich habe sie auch schon besucht und konnte zu meinem Erstaunen feststellen, dass es „normales“ Miteinander im Arbeitsleben von Juden und Arabern gibt. Und schon in viel stärkerem Maß gegeben hat. Nicht durch die israelische Politik wurde vieles zerstört, sondern durch Indoktrination der einfachen Araber durch ihre Führer und Feindseligkeiten, die darauf folgten. Leider ist dadurch viel Vertrauen zerstört worden,
anne.c - 12. Dez, 10:38
Vor einiger Zeit wurde mehrmals am Vormittag im DLF in den Nachrichten gesendet, dass ein israelischer Dirigent gestorben ist. Ich hatte seinen Namen nie gehört, er gehörte jedenfalls nicht zu den Spitzendirigenten, deren Namen ständig genannt wurden. Hinzugefügt wurde bei jeder Nachricht: Er war der erste, der in Israel eine öffentliche Wagner-Aufführung dirigierte, was scharfe Proteste von Holocaustüberlebenden hervorgerufen hat. In dieser Nachricht, die ich in keinem anderen Sender gehört habe, steckt viel vom DLF: Sie würdigten den ansonsten nicht übermäßig bekannten Dirigenten als den, der sich „wagte“ in Israel Wagner aufzuführen. Da schwingen die „nicht verzeihen wollenden“ Holocaustüberlebenden“ mit, die Israeli, die unserem großen Wagner nicht die gebührende Ehre zollen wollen, „nur wegen dem Holocaust“. Der „Mut“ eines der Ihrigen, der es trotzdem gewagt hat. Und alles in einer Sprache, die scheinbar unangreifbar und neutral ist.
anne.c - 6. Dez, 19:03
Die Kirchen mit ihren Kriegerdenkmälern. Dahinter steht sozusagen eine ganze Welt. Ich muss nur den einen Spruch aufschreiben: „Ausgesät, nur ausgesät, wurden alle die, die starben. Wind und Regen vergeht, und es kommt der Tag der Garben“. Nicht etwa für die Gefallenen des ersten – wo ja die Existenz der Kriegerdenkmäler in Kirchen mit dem Stil der Zeit und Denkmalschutz begründet wird -, sondern, neu aufgestellt, für „unsere gefallenen Brüder“ aus dem zweiten WK.
In der überaus schönen Schloss-Dorf-Kirche zu Basedow, in die die Menschen, zum Teil aus der ganzen Welt, wegen ihrer einmaligen Orgel strömen. Schön versteckt, dass man es nur bei besonderem Hinsehen entdecken kann. Gleich nebenan auf dem Friedhof das Grab eines „Landesbischofs“ , der seinem gefallenen Sohn eine Gedenktafel mit der Aufschrift widmete: „Aus Feindes Hand in Gottes Hand“. In Braunschweig in einer Kirche lag sogar ein Stahlhelm unter der Heldengedenktafel. Keiner bemerkt es. Ich denke trotzdem, dass so etwas den Geist prägt.
anne.c - 3. Dez, 16:07
Der Berg der Seligpreisungen bescherte uns ein eigenartiges Erlebnis: Oben am Parkplatz, gleich neben einer Klosteranlage trafen wir auf eine süddeutsche christliche Reisegruppe. Wir schlossen uns an und folgten ihnen auf versteckten Wegen, die die Bergkuppe hinunterführten zu einer Stelle, wo man einen besonders schönen Blick auf den See hat. Dort ist eine Gruppe Olivenbäume malerisch auf dem Hügel verteilt, und unter einem der Bäume gab es, wohl für pastorale Zwecke, einen Sitz mit einem altarähnlichen Stein davor – dort soll Jesus die Bergpredigt gehalten haben.
Wir trafen gerade wieder auf die Gruppe, als ihr Reiseleiter zur Auslegung der Bergpredigt anhob: Die Seligpreisungen überging er „da sie ja allgemein bekannt sind“, und er konzentrierte sich auf die Auslegung der auf die Seligpreisungen folgenden „Gesetzesverschärfungen“. Das führte er in der Weise aus, dass er immer gegeneinander stellte: die hohe moralische Überlegenheit der christlichen Religion gegen die niedere Geisteshaltung des Judentums, das nicht zur Vergebung fähig wäre. Seine Schäfchen hörten ihm schweigend und ergriffen zu. Ich war überrascht: wie in deutschen, christlichen Reisegruppen geredet wird, wenn der israelische Fremdenführer gerade nicht dabei ist, das weiß ich gut, sowohl aus eigenem Erleben als auch aus Berichten christlicher Reisender. Dass man sich allerdings auf den Berg der Seligpreisungen zurückzieht, um ungestört die Regungen des eigenen schlechten Gewissens ins Gegenteil zu ziehen, das war mir neu.
Zwei Tage später saßen wir 50 km südlich im Kibbuz E.H. beim Kaffeetrinken. Wir lernten J.s zweite Frau kennen. Nur um wenige Jahre jünger als er, war sie alt genug, dass sie auf ihrem Arm das Brandmal einer Auschwitz-Nummer hatte. Beide bewirteten uns freundlich und führten uns durch den Kibbuz. Und ich dachte: „Das sollen also die sein, die nicht vergeben wollen, und die da auf dem Berg das sind die moralischen Überlegenen!“ Ich bezeichnete unser Erlebnis da oben als „pastorale Groteske“ und war in meinem Misstrauen gegen „Idyllen“ bestätigt.
anne.c - 27. Nov, 16:42
Im Jugendradio des Senders RBB gab es einen Eklat um einen Moderator namens Ken. Dieser bedient sich in seiner Polit-Sendung antiamerikanischer, antiisraelischer und antijüdischer Stereotype und scheut vor Verschwörungstheorien nicht zurück. Die darauf hinaus laufen, dass die großen Verbrechen der Menschheitsgeschichte von denen inszeniert wurden, die sie erlitten haben, weil ein Wille dahinter steckt, dem der Tod vieler Menschen gleichgültig ist im Bezug darauf, was dieser Wille für sich erreichen will. Das erlebte ich ja bei der Schriftstellerlesung „meines“ Verschwörungstheoretikers (11.10). Kens Meinng scheint es zu sein z.B., dass der zweite Weltkrieg ein Komplott der amerikanischen Ölindustrie gewesen sei. Wobei immer mitschwingt, dass diese von Juden beherrscht würde. Da Ken so ratternd schnell wie eine Maschinengewehrsalve spricht, kann er alles, was ein aufmerksamer Zuhörer ihm zur Last legen könnte, in eine andere Richtung drehen: so hat er es nicht gesagt und gemeint, alles würde ihm verkehrt ausgelegt. Dass es bei seinen Fans dann doch so ankommt, wie es eigentlich nicht gemeint war, nämlich grotesk antisemitisch, dafür kann der arme Ken natürlich nichts.
So sah das auch sein Sender RBB, und er stellte sich großherzig hinter Ken, als dieser sich zu weit „aus dem Fenster gelehnt hatte“ und einige unflätige und dem Anschein nach antisemitische E-Mails an Hörer gesandt hatte, die sich über seine Sendung beschwerten. RBB hatte wahrscheinlich Sorge, seine Hörerschaft zu verlieren. Den antisemitischen Bodensatz in der Bevölkerung, den man – wie man so schön sagt – auch auffangen muss. Die üblichen Floskeln wie: `Die Gesellschaft muss kontroverse politische Ansichten ertragen´ und Ähnliches waren zu vernehmen. Mag die Gesellschaft sie ertragen wollen oder können, sie soll sie aber nicht finanzieren, und ich möchte sie auch nicht finanzieren!
PS Heute hat sich der Sender RBB von seinem Moderator Ken getrennt.
anne.c - 23. Nov, 11:26
P. hatte einen E-Mail-Wechsel mit Rupert Neudeck. Er hielt Herrn Neudeck vor, was dieser in einer Rundfunkdiskussion gesagt hatte, nämlich, dass das „Gebilde Israel“ nun mal nicht mehr rückgängig zu machen sei. In dieser Aussage steckt eine Menge an schlimmer Gesinnung. Jedenfalls war Herr Neudeck, wie erwartet, beleidigt und gab dieser Beleidigung in einer bissigen Antwort Ausdruck.
Ich habe noch nie einen Politiker, wenn er öffentlich redete, Israel ein Gebilde nennen hören. Jedenfalls, die „deutsche Gesellschaft“ hat einen Kodex, wie sie was, bei welcher Gelegenheit und in welchem Maße es öffentlich ist, redet. Da staunt man immer, welche Ausdrucksweisen Menschen benutzen, wenn ihnen bewusst ist, dass es nicht zu öffentlich ist. Wenn sie dann aber in der Öffentlichkeit stehen, dann reden sie anders: subtiler oder sogar das genaue Gegenteil. Also, bewusst muss es ihnen schon sein, was sie sagen, sonst könnten sie es ja nicht so oder so ausdrücken. Das ist so eine Mischung von Bewusstheit, Unbewusstem, Instinkt und auch Instinktlosigkeit. Hysterie.
anne.c - 20. Nov, 22:41
Im Auto hatte ich für drei Minuten Radio an und hörte die letzten Worte der Radiopredigt. Manchmal denke ich: das muss für mich gemacht sein! Wahrscheinlich ist es aber einfach stereotype Wortspulerei, ein ständig wiederholter Satz: „Gib, dass wir nicht den Mammon, sondern dich als Grund unseres Lebens ansehen!“ Da könnte ich verrückt werden. Wenn sie dann wenigstens sagen würden: „Gib, dass wir nicht das Streben nach Mammon, …..!“
Das ist nur eins: Bornierte Dummheit. Gegen Dummheit kommt man nicht an. In der Betonung des Mammons steckt schon einmal etwas Antijüdisches. Unsere Kirchensteuern, unsere Pensionen sind natürlich kein Mammon, nach Mammon streben die, die wir verachten! Aber auch das Gegenüberstellen von Gott und Geld, als gäbe es keine andere Dinge, die man gegeneinander stellen könnte. Da bekommt der dauerberieselte Kirchenbesucher den Eindruck, als wäre Geld das Gegenteil von Gott. Was ist an Geld so Schlimmes? Jeder geht mit Geld um. Ein Glück, denn ich kann mich noch erinnern, wie kompliziert das Leben war, als man in der DDR dank des wertlosen Geldes oft auf komplizierte Tauschgeschäfte angewiesen war. In der Gegenüberstellung von Gott und Mammon steckt immer die Einteilung der Welt in Gut und Böse, verbunden mit Moralisieren, Verachten.
anne.c - 18. Nov, 10:09