Ein Leserbrief (2)

In der Zeitung wurde ein Leserbrief von mir veröffentlicht. Doch ich habe wenig Freude daran, meinen Namen gedruckt auf Papier zu lesen. In dem Augenblick, wo ich das Geschriebene abgeschickt habe - und es muss schon sehr mein Interesse erregen, bevor ich mich dazu durchringe -, ist es mir ziemlich egal, sofort habe ich Distanz dazu. Interessant wurde es allerdings, als mich Frau H. nach Erscheinen des Briefes anrief, und mir allerhand über diesen Maler B. und andere Leute erzählte, auch über B.s Verhältnis zu jenen Malern, von denen in meinem Leserbrief die Rede war. Gleich entstanden Zusammenhänge, Querverbindungen, die lebende, mir aus ganz anderen Zusammenhängen bekannte Personen berührten. Allerdings hätte ich keine Lust, mich als moralischer Vermittler einzumischen. Eigentlich mische ich mih nur dann ein, wenn ich erlebe, wie Menschen, die sich nicht wehren können, schlecht behandelt werden, so erging es in diesem Fall den drei nicht mehr lebenden Malern, die als Denunzianten verdächtigt wurden.

In dem Leserbrief ging es darum, dass XX einen Maler wieder zu Ehren bringen wollte, der außer dass er publikumswirksame Heimatbilder geschaffen hatte, auch für seine Hitler-Portraits in der Nazizeit berüchtigt war. Ich unterstelle dem biederen XX nicht, dass er einen Nazimaler publik machen wollte. Er wollte etwas für seine Heimatstadt tun, und da diese nicht allzu viel vorzuweisen hat, kramte er diese Figur aus der Mottenkiste der Geschichte hervor. XX ist aktives SPD-Mitglied, und hat wahrscheinlich politische Schulungen hinter sich, wo man den Leuten u. a. auch die Kunstgriffe beibringt, die man anwendet, wenn man „brisante“ Themen aufgreifen will. Man darf Makel nicht verschweigen, sondern sie offensiv aufzeigen, so nimmt man potentiellen Gegnern den Wind aus den Segeln. Nur XX gab sich dabei selbst so viele Blößen, dass er angreifbar wurde, indem er im Zusammenhang mit diesem Nazimaler andere Maler denunzierte.

Später erfuhr ich von Frau H. interessante Details dieser Geschichte, nämlich dass dieser Maler B., da er wie das üblich war, nicht von der DDR verstoßen wurde (was XX als einen Beweis ansieht, dass es ja mit ihm nicht so schlimm gewesen sein konnte), sich mit der Zeit so bestätigt fühlte, dass er dann in der DDR-Zeit andere Maler, die mit ihm aus irgendeinem Grund im Clinch lagen (ich vermute eher aus künstlerischen als aus politischen Gründen) nun denunzierte, indem er verlautbarte, sie haben ja schon immer „entartete Kunst“ hergestellt, also wieder in die Nazisprache zurück fiel, was auch typisch ist für Leute, die sich eine Zeit geduckt hatten, und als sie feststellten, dass es doch so schlimm nicht gekommen ist, ohne Scham wieder ihre alte Denkweise aufnehmen und sie auch verkünden. So etwas erleben wir auch heutzutage überall.

Im Luftreich des Traums

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