Mittwoch, 18. April 2012

Volkes Stimme in Variationen

Im Fernsehen erlebte ich zufällig zwei Diskussionen hintereinander. Einmal gab es eine Bürgerdiskussion in einer hessischen Kleinstadt, in der - anscheinend mit fragwürdigem Hintergrund - eine Moschee gebaut werden sollte. Moscheengegner und -befürworter hielten flammende Statements. Auf einmal stand ein zittriger, aber sonst rüstiger Greis vor dem Mikrofon und hielt eine stammelnde Rede, aus der man, obwohl sie unscharf formuliert war, so manches heraushören konnte: Er sei über 80 Jahre alt und habe so viel Schlimmes durchgemacht, und er wolle nicht, dass es wieder so weit komme. Es war deutlich, dass er damit meinte, es könnte dazu kommen, dass es wieder zu viele von einer bestimmten Sorte Menschen gäbe, und die müsste man dann wieder umbringen. Zur Verdeutlichung dessen, was er undeutlich stammelte, meinte er, dass eine Ausländerin ihm gerade gesagt habe, dass man die Deutschen sowieso aus dem Land gebären werde. Der Greis wurde von der versammelten Mannschaft der Moscheengegner beklatscht, obwohl darunter sicher einige waren, die nicht so dachten wie er und vielleicht ganz andere Gründe gegen die Moschee hatten. Niemand wies ihn zurecht oder distanzierte sich von ihm.

Das war „Stimme des einfachen Volkes“. Dann schaltete ich zu einer Diskussionsrunde, in der auserwählte und illustre Herrschaften waren, ich weiß nicht, worum es ging. Es muss doch aber auch mit Vergangenheit zu tun gehabt haben, denn ein jüdisch wirkender Mann, der wie der Zwillingsbruder von Simon Perez aussah, saß dabei. Dann ein edel wirkender Herr von der Wirtschaft. Ich weiß wirklich nicht mehr, worum es ging, es war wohl mehr ein neutrales Thema, das aber das „Jüdische“ irgendwie berührte. Denn Herr Mannheimer-Perez erzählte, dass er als ehemaliger Dachau-Häftling seit vielen Jahren in Schulen Vorträge halte, und dass die Jugendlichen sehr interessiert seien. Alle fanden das gut.

Dann sagte kurze Zeit später der Herr Wirtschaftsvertreter im larmoyanten Ton, er habe solche Angst, dass die bösen Neonazis den Ruf Deutschlands schädigen. Deutschland habe doch schon so viel Gutes getan, aber gerade habe wieder ein sehr anständiger Mensch zu ihm gesagt: „Ich kann das nicht mehr hören!“ und er habe Sorge, dass das „Zu-Viel-Davon-Reden“ die Jugendlichen zu Neonazis mache. Alle nickten verständnisvoll. Ich fand es nicht logisch, dass man Herrn Mannheimer nicht sofort aus der Runde verbannt hat.

Im Luftreich des Traums

gegen Ideologien

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

redigierter Kommentar...
redigierter Kommentar von Herrn wvs (13.06.21): "@...
NeonWilderness - 14. Jun, 22:13
Hm, vielleicht bin/war...
Hm, vielleicht bin/war ich zu sehr in diesen ganzen...
C. Araxe - 6. Jun, 23:16
Von meinen ersten Westreisen...
Worauf ich erst einmal hinaus will, ist eigentlich...
anne.c - 6. Jun, 22:18
Von meinen ersten Westreisen...
Als ich mit dem geräuschlosen Intercity durchs Land...
anne.c - 1. Jun, 14:03
Hysterie Teil 2
Lew Tolstoi "Hadschi Murat" (Kap. 15) : Zar Nikolaus...
anne.c - 20. Mai, 20:03
Hysterie
Meine Definition für Hysterie: „Ein Hysteriker hat...
anne.c - 14. Mai, 22:55
"Niemand hat größere...
Am Sonntag, während ich Obstsalat für meine Familie...
anne.c - 12. Mai, 13:27
Wie zwei verschiedene...
Wie zwei verschiedene Menschen Dasselbe völlig anders...
anne.c - 6. Mai, 19:05
Mal abgesehen davon,...
Mal abgesehen davon, dass die Kritik an dieser Aktion...
C. Araxe - 5. Mai, 19:05
Ein Schülervortrag über...
Vor nicht langer Zeit wurde ich um Hilfe für einen...
anne.c - 5. Mai, 11:48

Links

Suche

 

Status

Online seit 5126 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 24. Jul, 02:02

Disclaimer

Entsprechend dem Urteil des Landgerichts Hamburg vom 12.05.1998 gilt für alle Links und Kommentare auf diesem Blog: Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich von allen Inhalten aller verlinkten Seitenadressen und aller Kommentare, mache mir diese Inhalte nicht zu eigen und übernehme für sie keinerlei Haftung.

Impressum

Anne Cejp
Birkenstr. 13
18374 Zingst

development